Kolumbien / Boyacá

Artikel aus der kolumbianischen Zeitung "BOACÁ 7 DÍAS" vom 6. März 2007

Boyacá: Über 3000 arbeitende Kinder

Genau weiß es niemand, wie viele Kinder in Boyacá arbeiten, aber im Straßenhandel und in der Landwirtschaft fällt die Vielzahl der arbeitenden Kinder auf. Jetzt liegt eine Untersuchung des Instituts für Familienwohlfahrt (Icbf) vor: Sie beziffert die Anzahl der Kinderarbeiter auf 3135 in 71 Gemeinden des Departements Boyacá.

Drei Kinder starben in diesem Jahr bei der Arbeit oder auf dem Weg dorthin. Ein 16-jähriger verlor das Augenlicht und erlitt schwerste Verbrennungen bei einer Explosion in den Steinbrüchen von Sogamoso, wo er arbeitete. Dieser Unfall ließ die Alarmglocken bei den staatlichen Behörden schrillen.

Das Departementskomitee zur Abschaffung der Kinderarbeit und zum Schutz der jugendlichen Arbeiter veröffentlichte die Daten einer Untersuchung, die 2005 in 71 Gemeinden des Departements Boyacá durchgeführt wurde:
Von 3531 Kindern, die befragt wurden, gaben 3135 Kinder an, dass sie arbeiten. 1886 von ihnen arbeiten in der Landwirtschaft. Festgestellt wurde auch, in welchen Gemeinden die Kinderarbeit am höchsten liegt.

Eine Untersuchung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO, Genf) aus dem Jahr 2001 stellt fest, dass damals 904 Kinder in den Bergwerken von Muzo, Maripí und San Pablo de Barbur arbeiteten, 60% von ihnen in den Smaragdminen von Muzo.
Das Bergewerksamt des Departements kündigte eine Untersuchung über die Kinderarbeit in den Bergwerken an.

Auf dem Markt von Sogamoso wurden 2004 bei einer Überprüfung durch die Aufsichtsbehörde der Stadt 353 arbeitende Kinder unter 16 Jahren gezählt. 71,4% der dort arbeitenden Kinder stammen aus der Stadt Sogamoso selbst, 17% aus anderen Ortschaften und 8% kamen gar aus anderen Departements.

BOYACÁ 7 DÍAS besuchte am Dienstag den Markt von Sogamoso und stellte dabei fest, dass 50 Kinder direkt vor den Augen der Aufsichtsbeamten als Verkäufer arbeiteten.

Aktionen gegen die Kinderarbeit in Boyacá

Maria Luisa Camacho, Direktorin des Institutes für Familienwohlfahrt weist darauf hin, dass man dabei sein. einen Gesamtplan zur Abschaffung der Kinderarbeit und zum Schutz der jugendlichen Arbeiter für die Periode 2007 bis 2015 zu entwickeln. „Hierbei investiert das Institut für 36 Einzelprogramme rund 40000 Millionen Pesos“, versichert Camacho.

In Sogamoso gibt es das Haus der Kinderarbeiter im Bergwerk, ins Leben gerufen und finanziert über eine Vereinbarung zwischen Rathaus, ILO (Genf) und der Stiftung „Minute Gottes“. Sogamosos Stadtentwicklungssekretär, José Marcelino Camargo Gómez, erklärte, das Berkwerkskinderhaus werde in die Hände der Genossenschaft „Lebendige Hände“ übergeben. In der Genossenschaft sind 30 Kinder und Jugendliche, die im Bergewerk arbeiten, integriert. Der Beamte: „Es gibt in dem Haus Werkstätten für Holz- und Kohlebildhauerei sowie eine Töpferei.“
In Tópaga wurde vor Jahren die Genossenschaft „Multiactiva Juvenil Crecer Ltda.“ Ins Leben gerufen. Auch sie setzt auf Ausbildung in der Bildhauerei.

Übersetzung: Albrecht Sylla

Artikel aus der kolumbianischen Zeitung "BOACÁ 7 DÍAS" vom 16. Januar 2007

Kinder, die wie Große arbeiten

Luis Ferbey und Angelmiro, beide 13 Jahre alt, arbeiten im Zwiebelanbau. Christian, Daniel, Jhonatan und Lorena sind Straßenhändler.

Um 7 Uhr morgens, wenn andere Kinder in die Schule gehen, nimmt Luis Ferney seine Hacke, um Zwiebeln aus dem Acker zu hauen. Sie sind für Supermarktketten des Landes bestimmt. An diesem nebligen Morgen bei Temperaturen unter 12 Grad beginnt der 13-jährige seinen Arbeitstag. Er wird bis 14 Uhr dauern. „ich arbeite wie die anderen Arbeiter auch und verdiene 15000 Pesos am Tag,“ sagt er während er sich den Schweiß wischt, der die geröteten Wangen herab rinnt. Nach Arbeitsende macht Luis Ferney seine Schularbeiten, denn er besucht abends die 6. Klasse des Kollegs Ramón Ignacio Avella.
Angelmiro (13) arbeitet ebenfalls im Zwiebelanbau von Aquitania. Er säubert die geernteten Zwiebeln und verdient dabei 3000 Pesos am Tag. „Ich gehe nicht zur Schule. Die Arbeit macht mir mehr Spaß. Das verdiente Geld gebe ich für Klamotten aus, “ sagt er.
Nelcy Cardozo, Familienbeauftragte der Behörden Aquitanias, erklärt, es sei schwierig, festzustellen, wie viele Kinder tatsächlich in den landwirtschaftlichen Betrieben arbeiteten. Die Anzahl der Betriebe sei einfach zu groß. Sie weist auch noch auf die hohe Schwangerschaftsrate unter den Minderjährigen hin. Diese minderjährigen Mütter müssten dann arbeiten, um ihre Kinder ernähren zu können.
Der 13-jährige Christian arbeitet als Straßenverkäufer auf dem Markt von Sogamoso. Er verdient 7000 Pesos am Tag. „Ich ging auf El Cerrito-Kolleg, aber sie haben mich rausgeschmissen“, berichtet er. Auch Daniel (14) arbeitet auf dem Markt. Er hilft seiner Mutter, er geht aber auch zur Schule.
Unter den Vielen, die auf dem Markt arbeiten, sind auch Jhonatan (12), Lorena (13) und Carlos (14).

Ein erstes Problem: Tunja

Auf über 350 Fälle wird die Kinderausbeutung in den Straßen von Tunja geschätzt. Trotz der Programme des Jugendamtes für die Betroffenen ist die Zunahme der Kinderarbeit offensichtlich: Kinder eilen durch die Straßen des Stadtzentrums und bieten Weihrauch, Süßigkeiten, Obst, Mobiltelefonkarten u.a. zum Verkauf.

Zu den 6 Fotos:

  • In den Steinbrüchen von Nobsa hauen Kinder mit der Spitzhacke Kalkstein.
  • Der 14-jährige Carlos mit Kisten bepackt auf dem Markt von Sogamoso.
  • Lorena, eines der Kinder, die als Straßenhändler arbeiten.
  • Luis Ferney arbeitet von 7.00 bis 14.00 Uhr für 15 000 Pesos am Tag im Zwiebelanbau von Aquitania. Abends besucht er die Schule (6. Klasse).
  • An den Ampelkreuzungen von Tunja riskieren zwischen den Autos arbeitende Kinder täglich ihr Leben.

Zu den Grafiken:

Kindern arbeiten in:

  • Landwirtschaft 53,44%
  • Haushalte 32,51%
  • Straßenverkauf/Markt 12,09%
  • Keine Angaben 1,95%
  • Schule und Arbeit 47,64%
  • Nur Schule 11,09%
  • Nur Arbeit 41,15%

Boyacá punktet bei der Unterernährung

Nach Information des Instituts für Familienwohlfahrt leiden 23% der Kinder Boyacás an chronischer Unterernährung. Die Gründe sind die Armut und die miserable Trinkwasserqualität.

Das Drama besteht darin, dass 70% der Bewohner Boyacás in Armut leben. Die Mangelernährung der Bevölkerung ist alarmierend. Am schlimmsten sind die Kinder betroffen, die unter chronischer Mangelernährung leiden.

Obst und Fleisch sind Luxus

In d er Familie Guevara Soracá gibt es ein Mal pro Woche Brot und nur ein Mal im Monat Fleisch. Obst, Gemüse und Fisch sind für sie beinahe ein Luxus, den sie sich kaum leisten können, bei den 2000 bis 3000 Pesos, die Luis Alberto Soracá Barrera nach Hause bringt. Er sammelt von 7.00 Uhr morgens bis 9.00 Uhr abends Karton und Glas fürs Recycling. Mit diesen Einkünften müssen er, seine Frau Flor Marina Guevara und die 3 Kinder im Alter von 8, 6 und 5 Jahren auskommen. Die fünf leben am Fußweg Ricayá Süd in der Gemeinde Chivatá in einem Haus, das zusammengezimmert ist aus Plastikfolien und Wellblech, Material, das Luis Alberto bei seiner Arbeit findet. „Wir frühstücken spät und essen früh zu Abend. So sparen wir das Mittagessen. Mit der Methode täuschen wir unseren Magen“, erklärt Flor Marina. Manchmal fragen sie und ihr Mann sich, ob ihre Kinder schon unterernährt sind oder noch nicht. Dass sie überhaupt zu essen haben, ist das Wichtigste.

Ernährungsgewohnheiten

Neben der schlechten Trinkwasserqualität als eine Ursache für die Unterernährung (Durchfälle!) müssen auch die schlechten Ernährungsgewohnheiten erwähnt werden. Die unzureichende Nahrungszufuhr, die Magen- Darminfektionen, der Parasitenbefall und der Lebensstil sind u.a. Faktoren, die zusammenwirkend Gewichtsverlust zur Folge haben.
Untersuchungen belegen, dass es eine weitere Ursache für die Unterernährung gibt. Es ist der unzureichende Proteingehalt der aufgenommenen Nahrung. So fehlen in den normalerweise bei den Familien Boyacás verzehrten Lebensmitteln 90% des notwendigen Calciums und 54% der notwendigen Proteine. Dagegen ist die Aufnahme von gesättigten Fettsäuren und der Kohlehydrate hoch. Sie sind zu 13% bzw. 68% Bestandteil der täglichen Nahrung in Boyacá.

Übersetzung: Albrecht Sylla